Weniger Leistung, mehr Fahrspaß?
Mit der neuen Ducati Streetfighter V2 S geht Ducati 2025 bewusst einen anderen Weg als bisher. Statt brachialer PS-Zahlen setzt der italienische Hersteller auf geringeres Gewicht, verbesserte Fahrbarkeit und ein deutlich zugänglicheres Gesamtpaket.
Auf den kurvigen Landstraßen Andalusiens rund um Almería durfte ich die Ducati Streetfighter V2 S ausgiebig testen und klären, ob die neue V2-Generation tatsächlich mehr Freude bringt als ihr leistungsstärkerer Vorgänger. Wie sich der neue 890-cm³-Motor ohne Desmodromik schlägt, wie viel Sport im Naked Bike steckt und warum 120 PS auf der Landstraße völlig ausreichen können, zeigt dieser ausführliche Testbericht.

Weniger Drehmoment und nur noch 120 PS – ist die Streetfighter V2 trotzdem ein Kraftzwerg oder doch eher ein gewöhnliches Naked Bike? In den kurvigen, andalusischen Bergstraßen rund um Almería durfte die S-Version ihre Qualitäten unter Beweis stellen.
Es ist doch eher ungewöhnlich, dass ein Nachfolgemodell mit weniger Leistung antritt – und trotzdem vom Hersteller so selbstbewusst gehypt wird. Noch überraschender wird es, wenn das Ganze aus dem Hause Ducati kommt – einer Marke, die normalerweise von einem Superlativ zum nächsten jagt. Doch mit der Multistrada V2 S und der Panigale V2 S haben die Italiener jedenfalls eindrucksvoll bewiesen, dass reine Leistungsdaten auf dem Papier nicht zwangsläufig der Gradmesser für Fahrspaß sind. Jetzt also die Streetfighter-Version – basierend auf dem neuen, Euro-5+ konformen V2-Herzstück.
Damit positioniert sich die neue Streetfighter V2 nun klarer im mittleren Leistungssegment und rückt weiter weg vom brachialen Power-Naked-Bike Streetfighter V4. Denn bisher ließ sich der 955er-Fighter eher in der oberen Liga einordnen – näher an der V4 als an den Mittelklasse-Kollegen. Jetzt aber ist die Ausrichtung deutlich differenzierter – und das macht sie für eine breitere Zielgruppe interessant.

Keine Desmodromik – der neue V2 Motor
Okay – 120 PS bei 10.750 U/min und 93 Nm bei 8.250 U/min. Das sind unterm Strich 33 PS weniger als beim Vorgängermodell, das noch ohne Euro-5+ Limitierungen auskam. Ein deutlicher Rückschritt auf dem Papier, zumindest was die reinen Leistungsdaten betrifft. Doch die wohl markanteste Änderung betrifft das Herzstück der Ducati-Technik: den Abschied von der Desmodromik – jener legendären Ventilsteuerung, die Ducati über Jahrzehnte hinweg zu einem Alleinstellungsmerkmal verholfen hat.
Doch so faszinierend die Technik ist, sie hat auch ihre Schattenseiten: höherer Wartungsaufwand, aufwendige Justierungen, mehr Servicekosten – sowohl für den Hersteller als auch für die Ducatisti. Mit dem Wechsel zu einer konventionellen Ventilsteuerung mittels Schlepphebel und Ventilfedern, kombiniert mit variabler Einlassventilsteuerung (IVT), schlägt Ducati nun einen praxisnäheren Weg ein – ganz im Sinne der Alltagstauglichkeit und Kosteneffizienz.
Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Durch den Einsatz moderner Materialien, neuer Fertigungstechnologien und cleverer Konstruktionsdetails konnte das neue 90°-V2-Triebwerk mit 890 cm³ Hubraum ganze 9,5 Kilogramm leichter gebaut werden als das bisherige 955-cm³-Superquadro-Aggregat. Allein der Motor bringt jetzt nur noch schlanke 54,4 Kilogramm auf die Waage – ein echtes Statement in Sachen Leichtbau.
Hinzu kommt eine neue Anti-Hopping-Kupplung im Ölbad, die nicht nur für mehr Stabilität beim sportlichen Runterschalten sorgt, sondern auch ein typisches Ducati-Merkmal eliminiert: das rasselnde Trockenkupplungsgeräusch im Stand gehört nun endgültig der Vergangenheit an.
Der neue Ducati Quickshifter 2.0 ermöglicht butterweiche Gangwechsel in beide Richtungen, nahezu unabhängig von Lastzustand und Drehzahl, ohne die Kupplung betätigen zu müssen. Eine technische Raffinesse dabei ist der Verzicht auf einen herkömmlichen Drucksensor im Schaltgestänge. Stattdessen setzt Ducati auf einen direkt an der Schaltwelle montierten Drehsensor, der selbst minimale Bewegungen erkennt und präzise die Zündunterbrechung für den Gangwechsel einleitet. Diese innovative Lösung verbessert nicht nur die Schaltpräzision, sondern reduziert auch den mechanischen Verschleiß und sorgt für ein noch präziseres Schaltgefühl.
Das Übersetzungsverhältnis ist identisch mit dem der Panigale V2 S. Ab 4.000 Touren stehen mindestens 80 Nm Drehmoment zur Verfügung – genug, um aus jeder Kurve mit Nachdruck herauszubeschleunigen und im gesamten Drehzahlbereich spielerisch mit der Leistung zu hantieren. Bei Bedarf bis in den roten Bereich bei 11.350 Touren. Einfache Power-Wheelies sind, wenn der entsprechende Modus gewählt wurde, problemlos möglich.

Elektronik – es fehlt an Nichts
An elektronischen Helferlein fehlt es der Streetfighter V2 S wahrlich nicht. Wer möchte, kann über vier vorkonfigurierte Fahrmodi den antrittsstarken Italiener ganz nach eigenem Gusto zähmen – ohne dabei den charakteristischen Ducati-Biss zu verlieren. In jedem Modus lassen sich die Assistenzsysteme wie Wheelie-Control, Traktionskontrolle oder Motorbremse individuell anpassen, sodass jeder seinen ganz persönlichen Wohlfühlbereich finden kann – vom sportlichen Feierabendracer bis zum genussvollen Tourenfahrer.
Die Bedienung gelingt dabei erfreulich intuitiv: Über das neue, ergonomisch gestaltete Vier-Wege-Bedienkreuz am linken Lenkerarmatur navigiert man zügig durchs Menü. Unterstützt wird man durch kontextbezogene Hinweise zu den jeweiligen Einstellungen – eine echte Hilfe, gerade wenn man sich nicht täglich mit der Elektronik auseinandersetzt.
Das neue 5-Zoll-TFT-Display ist dabei ein echtes Highlight. Es überzeugt mit gestochen scharfer Darstellung und bleibt selbst bei direkter Sonneneinstrahlung oder wechselndem Licht hervorragend ablesbar. Drei klar strukturierte Darstellungsmodi – Road, Road Pro und Track – sorgen für Übersicht und lassen sich je nach Fahrstil oder Vorliebe passend wählen.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt dennoch: Auf einem Naked Bike wie der Streetfighter wirkt das kompakte Display fast ein wenig verloren. Während das bei der Panigale V2 S auf der Rennstrecke kaum ins Gewicht fiel – wo der Blick ohnehin eher auf Kurveneingang und Bremspunkt gerichtet ist – steht das Cockpit hier deutlich mehr im Fokus. Ein etwas breiteres Display hätte dem Gesamtbild gutgetan.
Einzig die Größe des Displays wirkt auf der Nackten fast ein wenig verloren. Während das bei der Panigale V2 S auf der Rennstrecke kaum ins Gewicht fiel – wo der Blick ohnehin eher auf Kurveneingang und Bremspunkt gerichtet ist – steht das Cockpit hier deutlich mehr im Fokus. Ein etwas breiteres Display – vielleicht das der Streetfighter V4 – hätte dem Gesamtbild gutgetan. Optisch gelungen integriert ist es trotzdem – funktional, formschön und Ducati-typisch hochwertig.

Bequeme Streetfighter Ergonomie
Das TFT-Display mag zwar kompakt wirken, doch überrascht es mit einem unerwarteten Vorteil: Es leitet den Fahrtwind überraschend effektiv um oder über den Fahrer hinweg. Es gibt keinerlei störende oder nervige Windverwirbelungen. Selbst bei höherem Tempo bleibt der Oberkörper angenehm ruhig.
Mit einer Sitzhöhe von 837 Millimetern thront man zwar recht hoch über dem Asphalt, doch das schmal geformte, angenehm straffe Sitzpolster erlaubt auch kleineren Fahrern einen sicheren Stand zu finden. Die Fußrasten sind sportlich positioniert, leicht nach hinten versetzt, was gemeinsam mit dem um 30 Millimeter breiteren Lenker eine leicht nach vorn gebeugter, aktiver Sitzhaltung ermöglicht – genau richtig für ambitioniertes Landstraßenräubern oder die flotte Kurve zwischendurch.
Ein echtes Highlight stellt der neu geformte 15-Liter-Tank dar. Der Knieschluss ist hier angenehm eng gehalten und bietet insbesondere beim sportlichen Anbremsen oder bei schnellen Richtungswechseln extrem viel Halt und ein gutes Gefühl fürs Bike. Dazu findet man auf dem Sitzpolster ausreichend Platz, um seine richtige Position zu finden. Insgesamt fühlt man sich direkt auf dem Motorrad angekommen.
Geht es dann richtig zur Sache – etwa auf einer verwinkelten Passstraße oder in engen Kehren – zeigt der kleine Streetfighter, was in ihm steckt. Mit beeindruckender Leichtigkeit lässt sich das Bike von einer Schräglage in die nächste werfen, spielerisch und präzise. Und sollte man doch mal zu optimistisch sein, sorgt das Bosch-Kurven-ABS für einen kühlen Kopf und bremst souverän und unaufgeregt – auch in Schräglage.

Panigale V2 Chassis mit gezielten Änderungen
Insgesamt wirkt der Streetfighter V2 S angenehm schmal, was nicht zuletzt am neuen kompakt gehaltenen V2-Aggregat liegt. Der Motor ist nun um 20 Grad nach hinten gedreht als tragendes Teil integriert und sticht als Design-Objekt prominent ins Auge. Während dieser Umstand bei der vollverkleideten Panigale V2 S kaum ins Auge fiel, wird er beim nackten Auftritt der Streetfighter deutlich sichtbarer.
Die Grundkonstruktion des Monocoque-Rahmens ist die gleiche wie bei der Panigale V2 S. Lediglich die Länge der von der Panigale V4 inspirierten Schwingenkonstruktion wurde um 30 mm verlängert. Durch die angewinkelte Form ergibt sich automatisch ein etwas höheres Heck. Das verleiht dem Motorrad nicht nur eine aggressivere Optik, sondern verbessert auch die Lastverteilung und die Agilität, insbesondere bei sportlicher Fahrweise.
Beim Lenkkopfwinkel wurde, ähnlich wie beim Streetfighter V4, ein geändertes Inlay verwendet. Hierdurch wird der Winkel um 0,5 Grad auf 24,1 Grad (23,6 Grad bei der Panigale V2) angepasst. Was auf dem Datenblatt nach wenig klingt, macht sich im Sattel deutlich bemerkbar: Mehr Stabilität beim Anbremsen, mehr Gefühl für das Vorderrad – genau das, was man in den unzähligen Kurven rund um Olula de Castro zu schätzen weiß.
Fahrwerk wie die Große
In der S-Version arbeitet ein edles, voll einstellbares Öhlins-Fahrwerk, unter anderem mit einer hochwertige 43-mm-Öhlins-NIX30-Gabel, die mit Titannitrid (TiN) beschichtet ist. Diese Beschichtung verbessert das Ansprechverhalten und reduziert die Reibung. Außerdem ist sie deutlich verschleißfester sowie korrosionsbeständiger und sorgt zudem mit ihrer goldenen Farbe für eine noch edlere Optik.
Auf eine elektronische Verstellung wurde bewusst verzichtet, vor allem aus Kostengründen. Doch das tut der Performance keinen Abbruch – im Gegenteil: Das Fahrwerk spricht sensibel an, vermittelt präzises Feedback und bleibt dabei erfreulich intuitiv abstimmbar.
In Kombination mit den Pirelli Diablo Rosso IV entwickelt die Streetfighter V2 S ein bemerkenswert transparentes Gefühl für die Straße. Selten fühlte man sich auf einem sportlichen Naked Bike so sicher und direkt mit der Straße verbunden.
Dabei setzen die Italiener hinten auf die 190er Breite, welche mehr Grip liefert, aber dennoch Handlichkeit verspricht. Ein 180er hätte womöglich für ein Quäntchen mehr Agilität gesorgt, würde aber in tiefer Schräglage auf etwas Haftung verzichten müssen – ein Kompromiss, den Ducati ganz bewusst zugunsten des Grips eingegangen ist. Und den setzt die Streetfighter V2 S extrem nachdrücklich um und lässt einen laufend vergessen, dass man doch eigentlich auf der Straße sich bewegt. Auch mit meinem doch hohen Biosystemgewicht von ca. 120 Kilogramm, geht das Fahrwerk unbeeindruckt ans Werk.

Auspuffanlage inspiriert von der 1299 Final Edition
An der Auspuffanlage hat Ducati definitiv nicht gespart. Wie schon bei der Panigale V2 zieht sich eine hochwertig Abgasanlage elegant unter das Heck, wo sie in ästhetisch perfekt platzierten Endtöpfen münden. Der Sound? Kernig, satt – aber nie aufdringlich oder unangenehm laut. Genau die richtige Klangkulisse für sportliche Landstraßenetappen mit einem Schuss Emotion.
Für alle, die ihren Streetfighter ausschließlich auf der Rennstrecke bewegen wollen, bietet Ducati eine Termignoni Zubehöranlage an, die nicht nur 6 PS und 5 Nm zusätzlich herauskitzelt, sondern auch 4,5 Kilogramm Gewicht spart. Allerdings ist diese Version nicht straßenzugelassen – wer also auf öffentlichen Straßen unterwegs ist, bleibt besser bei der Serienanlage, die akustisch wie optisch ein echter Volltreffer ist.
Mit 179 kg fahrfertig ohne Benzin ist sie eh schon verhältnismäßig leicht und sogar 18 kg leichter als die Vorgängerin. Ein Wert, der nicht nur auf dem Papier überzeugt – die Leichtigkeit im Handling und die Agilität auf der Straße sprechen eine deutliche Sprache. Genau das ist es, was am Ende für den maximalen Fahrspaß sorgt – und den liefert die Streetfighter V2 S in jeder Kurve, in jedem Anbremsmoment und bei jedem Gasstoß.

Was Kostet der Spaß?
17.990 Euro muss man für die edle S-Version der Streetfighter V2 investieren. Dafür bekommt man nicht nur hochwertige Komponenten, sondern auch einen Solositzer, der sich mit dem optional erhältlichen Soziuspaket im Handumdrehen umrüsten lässt. Dabei ist beides homologiert und somit völlig unproblematisch beim TÜV.
Wer auf das Öhlins-Fahrwerk und einige edle Details, die Launch-Controll oder der Pit-Limiter, verzichten kann, greift zur Standard-Version für 2.500 Euro weniger. Dafür gibt es dann eine voll einstellbare Marzocci Gabel sowie Kayaba Federbein. Hier ist der Doppelsitz serienmäßig an Bord, lässt sich jedoch genauso unkompliziert auf Einmannbetrieb umrüsten. Flexibilität, wie man sie sich wünscht.
Und für alle, die eine A2-Lizenz besitzen, gibt’s beide Varianten auch in einer 48-PS-Version. So muss man auch mit eingeschränkter Leistung nicht auf Stil, Technik und Charakter verzichten.
Als weiteres Zubehör können Tempomat, Reifendruckkontrolle, ein USB-Anschluss zum Laden sowie eine Turn-by-Turn-Navigation installiert bzw. freigeschaltet werden.
Fazit
Ducati hat mit der 2025er Streetfighter V2 S einen mutigen Schritt gewagt, indem sie die Motorleistung zugunsten einer verbesserten Fahrbarkeit reduziert haben – und genau diese Entscheidung macht das Motorrad so überzeugend.
Der 890 cm³ große V2-Motor liefert bereits aus niedrigen Drehzahlen heraus ein beeindruckendes Drehmoment. Das präzise abgestimmte Fahrwerk sorgt für ein agiles Handling und vermittelt dem Fahrer ein hohes Maß an Vertrauen. Die fortschrittliche Elektronik, einschließlich schräglagenabhängiger Assistenzsysteme, arbeitet unauffällig im Hintergrund und unterstützt den Fahrer bei Erfahren seiner eigenen Grenzen.
Für den Einsatz auf der Landstraße bietet die Streetfighter V2 S somit ein ausgewogenes Gesamtpaket, das keine Wünsche offenlässt. Die Kombination aus durchzugsstarkem Motor, agilem Fahrverhalten und unterstützender Elektronik lässt den Gedanken an die leistungsstärkere V4-Version schnell in den Hintergrund treten.

📸 Impressionen vom Ducati Streetfighter V2 S Test
👉 Bericht und Videos auch auf Motorrad & Reisen
Pro & Contra
Pro
- Kultivierter und kraftvoller V2
- Intuitiv bedienbare Einstellungen
- Fein arbeitende Bosch Elektronik und Assistenz-Systeme
- Sehr agiles und präzises Handling
- Tolle Ergonomie
Contra
- kein semiaktives elektronisches Fahrwerk (zumindest in der S)
- Kein Keyless-Go

Hinterlasse jetzt einen Kommentar