Ducati Multistrada V2 – Perfekte Symbiose zwischen Tour & Sport
Weniger Gewicht, kein Desmodromik-Service und dennoch mehr Fahrspaß? Ducati geht mit der neuen Multistrada V2 einen mutigen Schritt. In den Bergen rund um Valencia konnte ich die 2025er-Version intensiv fahren und herausfinden, wie viel Multistrada-DNA noch im neuen V2 steckt – und warum sie für viele die bessere Wahl sein dürfte als gedacht.

Sind wir nicht immer auf der Suche nach mehr? Mehr Leistung, mehr Elektronik, mehr Extreme. Umso spannender ist es, wenn ein Hersteller bewusst einen anderen Weg einschlägt. Es ist schon bemerkenswert, sich diesem ständigen Streben nach mehr Leistung zu widersetzen und ein Nachfolgemodell auf den Markt zu bringen, welches lediglich 2 PS mehr Leistung hat und sogar zwei Newtonmeter weniger Drehmoment zur Verfügung stellt.
Besonders interessant wird es, wenn es sich dabei um eine Ducati handelt, die doch eigentlich für Power und das Erreichen neuer Rekorde stehen. Genau das haben die Italiener mit der neuen Ducati Multistrada V2 getan und neben einer rundum Überarbeitung auch gleich ein neues Herz verbaut. In den Bergen rund um Valencia konnte die kleine Reise-Italienerin ihre neuen Stärken unter Beweis stellen.
Neuer V2-Motor ohne Desmodromik – kultiviert, leicht und alltagstauglich
Der neue EURO5+ Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor mit 890 Kubikzentimetern liefert 115 PS und 92 Nm. Er ist nicht nur 47 Kubik kleiner als das Testastretta Aggregat der Vorgängerin, sondern erreicht sein maximales Drehmoment auch erst bei 8.250 Umdrehungen pro Minute, also 1.500 Touren später. Dafür liefert das 5,8 kg leichtere Aggregat ab 3.500 Touren bereits mindestens 70 % seiner Leistung, was im täglichen Einsatz von großem Vorteil ist.
So lässt sich die V2-Multi angenehm schaltfaul im vierten und fünften Gang zügig über die Landstraße bewegen. Es muss schon mal sportlicher zugehen, dass beim Überholen in den 3.Gang zurückgeschalten werden muss. Unter 3.000 Touren wird es etwas rau, aber nicht so unangenehm wie früher. Genau hier zeigt sich im echten Tourenalltag eine große Stärke: Da kann ein verbummelter Schaltvorgang vor der Kurve, weil man sich zu sehr von der herrlichen Landschaft verzaubern ließ, einfach kaschiert und mit dem vermeintlich „falschen“ Gang aus der Kurve dennoch gut herausbeschleunigt werden.
Der neue Motor der Ducati Multistrada V2 läuft außerordentlich kultiviert und zieht über das gesamte Drehzahlband kraftvoll sowie ohne spürbare Leistungslöcher durch. Die Leistungsabgabe ist dabei außerordentlich gut dosierbar und liegt, je nach eingestelltem Modus, von weich bis schön sportlich direkt an.
Und alles nun ohne Desmodromik, wie schon bei der Granturismo-V4! Das neue Aggregat, welches mit 5 PS mehr auch in der neuen Panigale V2 und Streetfighter V2 seine Arbeit verrichten wird, setzt auf eine traditionelle Ventilsteuerung per Federn und variabler Einlassventilsteuerung IVT. Dabei wird die Nockenwelle über ein Zwischenrad indirekt von der Kurbelwelle mit Ketten angetrieben, was einiges an Platz spart und so zu einer schmäleren Bauweise beiträgt.
Damit geht zwar wieder ein Stück Tradition verloren, dafür verliert der Blick auf die Unterhaltskosten auch seinen Schrecken. Denn der gefürchtete Desmo-Service entfällt, so dass nur alle 2 Jahre oder 15.000 km das Öl gewechselt und alle 30.000 km das Ventilspiel kontrolliert werden muss. Natürlich ist solch ein Motor auch günstiger in der Herstellung, was im hart umkämpften Markt der Adventure- und Crossover-Bikes immer entscheidender wird.
Wer jetzt aber um das klassische Multistrada-Feeling fürchtet, wird direkt beim Anlassen beruhigt Platz nehmen. Sie springt wie gewohnt etwas zögerlich an, verzaubert aber sofort mit dem klassischen bassigen Multistrada-Sound und angenehmen Vibrationen.

Neues Chassis und dennoch unverkennbar Multistrada
Auch optisch gibt es kein Vertun. Die Multistrada V2 2025 ist sofort an ihrer Linienführung und der charakteristischen Frontpartie zu erkennen. Das mag manchem eintönig erscheinen und ein mutigeres, völlig neues Design wäre in ihren Augen an der Zeit gewesen. Andererseits setzt sie die erfolgreiche Tradition fort und ist ein klares Bekenntnis zur Identität der Multistrada-Familie.
Ganz neu ist der Heckrahmen, welcher deutlich leichter und schlanker geworden ist. Insgesamt wurde hier viel an der Ergonomie gefeilt und so eine Reisemulti auf die Räder gestellt, auf der man sich mit nahezu jeder Beinlänge zurechtfindet. Im Extremfall kann die Sitzhöhen von 790 mm bis 870 mm variiert werden. Erstere allerdings nur mit extra Umbau-Kit für die S-Version.
Standardmäßig steht eine sehr bequeme und in zwei Positionen verstellbare Sitzbank bereit. Sie lässt sich leicht über das gut zugängliche Heckschloss rechts unter dem Fahrersitz abnehmen und auf 830 mm oder 850 mm Höhe einstellen. Selbst in der niedrigsten Position finden 193 cm gut Platz – perfekt wird es mit der 20 mm höheren Position. Für diejenigen, die eine noch höhere oder tiefere Sitzposition bevorzugen, bietet der Ducati Performance Shop zudem eine 850 bis 870 mm hohe Sitzbank sowie eine niedrigere Version mit 810 mm bis 830 mm an. Gerade für größere Fahrer – und das sage ich mit 193 cm Körpergröße – bleibt die Multistrada V2 eine der angenehmsten Reiseenduros in dieser Hubraumklasse. Man sitzt nicht „auf“, sondern spürbar integriert im Motorrad. Auch für den Soziusbetrieb bietet die Multistrada V2 ausreichend Platz und eine angenehm entspannte Sitzposition.
Lenkerergonomie und -breite sind dabei sehr gut darauf abgestimmt und erzeugen eine angenehme Armhaltung. Nur bei stehender Fahrt, fehlen ein paar Zentimeter für die perfekte Position auf den standsicheren Rasten, die auch für große Schuhgrößen ausreichend Bewegungsraum bieten. Mit ihrem 19-Zoll-Vorderrad hat die Multistrada V2 sicher eine gute Basis für den Offroad-Einsatz und in den Fahrmodi steht auch eine entsprechende Einstellung bereit. Allerdings werden sich wohl die wenigsten dieses Crossover-Bike zulegen, um damit ständig im Gelände unterwegs zu sein.

Bereit für große Touren – mehr Windschutz, Komfort und Variabilität
Der Multistrada V2 Fokus liegt klar auf ihrer Tourentauglichkeit. So bietet die sehr einfach in der Höhe verstellbare Scheibe einen hervorragenden Wind- und Wetterschutz. Selbst in der tiefsten Position, treffen keine unangenehmen Verwirbelungen auf Brust oder Helm. Stellt man die Scheibe mittels der zentralen Arretierung nach oben, kann man es sich dahinter bequem machen. Gerade am Morgen, als uns im sonnigen Spanien ein traumhafter Regenbogen den Weg ins Nasse wies, zeigte das Windschild eindrucksvoll seine Qualitäten. Unterstützt wird es mit kleinen fest verbauten Windabweisern, die zusätzlich Druck von Schultern und Armen nehmen. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten, kann hinter der Scheibe aufrecht getourt werden.
Eine andere aerodynamische Finesse findet sich an der linken und rechten Seitenverkleidung. Hier wurde ein Luftkanal stilvoll in das Gesamtbild integriert. Sie leiten angenehm kühlere Luft auf die Füße und führen zusätzlich die Motorabwärme von den Beinen weg. Heiße Ducati-Füße gehören damit der Vergangenheit an. So muss beispielsweise im Stadtverkehr nicht mehr nach einer Position für die Beine gesucht werden, wo am wenigsten warme Luft auf sie trifft, sondern kann den optimalen Knieschluss am 19 Liter fassenden Tank nutzen. Insgesamt bietet die Multistrada V2 viel Raum um sich auf ihr individuell zu positionieren. Konkrete Verbrauchswerte konnten wir auf dieser Testfahrt zwar nicht ermitteln, erfahrungsgemäß bewegt sich die Multistrada V2 jedoch im moderaten Bereich ihrer Klasse.
Nicht direkt getestet haben wir das optional erhältliche Koffersystem. Denn die Multi ist bereits ab Werk für den Koffereinsatz vorbereitet, mit formschön integrierten Haltepunkten für eine schwimmende Befestigung. So kann mit dem erhältlichen Travel-Package 60 Liter fassende Kunststoff-Seitenkoffer, Hauptständer und beheizten Griffen geordert werden. Dass die Heizgriffe nur Zubehör sind, ist dabei sehr schade, denn gerade bei der S-Version für 18.490 Euro (Standard 15.990 Euro) können diese als Standardausrüstung erwartet werden.

Moderne Elektronik und Skyhook-Fahrwerk auf Top-Niveau
Nicht gespart wurde bei der Elektronik. Der Reiseflitzer hat alles an Bord, was das Ducati-Repertoire derzeit hergibt. So wurde der neue Ducati Quick Shift 2.0 verbaut, welcher den Sensor nicht mehr im Schaltgestänge, sondern direkt auf der Schaltwelle hat. Damit ließ sich der V2 präzise und in jeder Lage ruckfrei ohne Kupplung hoch- und runterschalten.
Fünf voreingestellte Fahrmodi – Sport, Touring, Urban, Enduro und Wet – halten für jede Situation eine perfekte Abstimmung von Leistungsentfaltung, Eingriff der Assistenzsysteme und Fahrwerkabstimmung bereit. Gerade am Morgen, als der Regen uns überraschte, zeigte der Wet-Modus wie fein und gut er auf schlechte Grip Verhältnisse abgestimmt ist. So wird die Spitzenleistung auf 95 PS begrenzt, Gasannahme sanfter angelegt und das Kurven-ABS regelt früher. Übermütiges Gas geben bremst die Ducati Traction Control (DTC) unaufgeregt ein.
Alles lässt sich auf dem stets gut ablesbaren 5-Zoll-TFT-Farbdisplay über die leicht zugänglichen und intuitiv zu bedienenden Steuertasten an der linken Lenkerarmatur auswählen. Wer es individueller mag, der kann über das Menü seinen Modus selbst anpassen und dabei auch das semiaktive elektronisch gesteuerte Ducati Skyhook-Fahrwerk, unabhängig vom Fahrmodus einstellen. So kann je nach Beladung zwischen nur Fahrer, Fahrer mit Gepäck, Fahrer mit Sozius und auch hier mit Gepäck, die Federvorspannung mühelos angepasst werden. Und da mein Bio-Systemgewicht sicher 120 Kg auf die Waage bringt, wird einfach die Federvorspannung entsprechend erhöht.
Ein nettes Gimmick ist die Funktion „Minimum Preload“, mit der sich über eine Taste am rechten Lenker das Heck auf das Minimum abgesenkt wird und so den Bodenkontakt der Füße im Stand verbessert. Allerdings muss man etwas Geduld aufbringen, bis die Vorspannung runter- und später wieder hochgedreht wurde.
Im Gegensatz zu den optionalen Heizgriffen verfügt die Multistrada V2 serienmäßig über einen Tempomat, der einfach aktiviert und während der Fahrt mühelos eingestellt werden kann.
Überhaupt ist das Elektronikpaket, welches von Bosch entwickelt und von Ducati-Testfahrern mit den entsprechenden Algorithmen angelernt wurde, ein absolutes Highlight. Es macht das Fahren schon fast zu entspannt. Allerdings benötigt die ganze Technik auch ihren Strom, so dass man im Stand nicht allzu viel damit spielen sollte. Eine Warnung vor zu niedriger Bordspannung erinnert schnell daran.

Ein wahres Crossover-Bike – warum die Multistrada V2 so agil fährt
Getoppt wird jedoch alles von 18 Kg Gewichtsreduktion zum Vorgängermodell. Nimmt man nun noch die Aussage von Ducati Corse – der Ducati Motorradsport-Abteilung – hinzu, dass 10 kg Gewichtreduktion ca. 6 PS Leistung entsprechen, dann haben wir nicht 2 PS, sondern theoretisch gut 13 PS Mehrleistung. Natürlich ist diese Rechnung theoretisch – in der Praxis fühlt sich die Multistrada V2 aber tatsächlich deutlich kräftiger und agiler an, als es das nackte Datenblatt vermuten lässt.
Diese Schlankheitskur macht sich vor allem bei schnellen Richtungswechseln bemerkbar, wo die kleine Multistrada so agil und unbekümmert zu handhaben ist, dass man anfangs manche Kurve noch einmal öffnen musste, weil sie spielerisch leicht zu weit nach innen ging. Die direkte Gasannahme (vor allem im Sport-Modus) und das frühe Anliegen von viel Drehmoment, unterstreichen ihre sportlichen Gene. Begleitet wird alles mit einer Symphonie aus Ansauggeräusch und V2-Sound. Erfreulich, mit 95 dB Standgeräusch ist die Multistrada V2 absolut Tirol tauglich.
Auf den Asphalt gebracht wird alles durch das elektronische Fahrwerk, welches auch auf schlechten Straßen ausreichend Komfort bietet, feinfühlig anspricht und sich selbst bei harten Bremsmanövern bis tief in die Kurve hinein absolut neutral verhält. Das Zusammenspiel mit den serienmäßig montierten Pirelli Scorpion Trail II tut hier sein Übriges. Und so kann die kleine Multi nicht nur Tour, sondern auch Sport. Eine wahre Freude.
Fazit
Ducati zeigt mit der Multistrada V2 für das Modelljahr 2025 eindrucksvoll, dass es nicht immer neue Leistungsrekorde braucht, um ein Motorrad nach vorne zu bringen. Stattdessen überzeugt sie mit deutlich reduziertem Gewicht, hoher Fahrbarkeit und einer erstaunlichen Bandbreite zwischen komfortablem Tourer und sportlichem Kurvenräuber.
Der neue V2-Motor läuft kultiviert, druckvoll und passt perfekt zum Charakter des Bikes. Dass dabei auf die Desmodromik verzichtet wurde, fällt im Alltag nicht negativ auf – im Gegenteil: Wartungskosten und Nutzwert sprechen klar für diesen Schritt.
Wer eine Reiseenduro sucht, die nicht nur bequem, sondern auch emotional und aktiv zu fahren ist, findet in der Multistrada V2 eine der rundesten Ducati-Neuheiten der Saison 2025.
Ob sich Ducati mit diesem Schritt selbst einen Gefallen getan hat, bleibt abzuwarten – denn braucht es vor diesem Hintergrund überhaupt noch eine Multistrada V4?

📸 Impressionen vom Ducati Multistrada V2 S Test
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Pro & Contra
Pro
- Kultivierter und kraftvoller V2
- Deutliches Plus an Agilität durch massiven Gewichtsvorteil
- Hervorragender Wind- und Wetterschutz
- Sehr intuitive Elektronik & Fahrwerksabstimmung
- Tourentauglich UND sportlich fahrbar
- Fein arbeitende Bosch Elektronik und Assistenz-Systeme
Contra
- keine serienmäßigen Heizgriffe (zumindest) bei S-Version
- Kein Keyless-Go
- Preislich ambitioniert

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