Die Yamaha R9 markiert Yamahas Rückkehr zu einem alltagstauglichen Supersportler mit klarem Fokus auf Fahrbarkeit, Preis-Leistung und echter Straßentauglichkeit. Mit 119 PS starkem CP3-Dreizylinder, modernster R1-Elektronik, hochwertigem Fahrwerk und einem Einstiegspreis unter 14.000 Euro positioniert sich die R9 genau zwischen kompromissloser Renntechnik und realistischem Motorradspaß. Ich konnte die neue Yamaha R9 auf dem Circuito de Sevilla erstmals fahren und habe genau analysiert, wie viel Supersport heute wirklich sinnvoll ist – auf der Rennstrecke und mit Blick auf den Alltag.

Höher und schneller war einmal. Die Motorradhersteller werden wieder vernünftig und rücken den Fokus zunehmend auf straßentaugliche Sportbikes mit realistischem Leistungsniveau. Einer dieser Vernunftsracer wurde Anfang März auf dem Circuito de Sevilla vorgestellt – die Yamaha R9.
Ach, was waren das noch für Zeiten Anfang der 2000er! Superbikes verschiedenster Hersteller prägten das Straßenbild, an quasi jeder Ecke stand ein „Jogurtbecher“, und im Ledereinteiler eiferte man Toni Mang auf der Hausstrecke nach. Doch seitdem hat sich die Performance dieser – inzwischen als Hypersportbikes bezeichneten – Maschinen stetig gesteigert. Leider ebenso ihre Preise. Gleichzeitig sank das Interesse an diesen High-Performance-Bikes, nicht zuletzt aufgrund wirtschaftlicher Krisen, dem steigenden Fokus auf alltagstauglichere Motorräder und immer strikter werdenden Einschränkungen im Straßenverkehr.
In den letzten Jahren scheint sich dieser Trend jedoch umzukehren – die Verkaufszahlen steigen wieder leicht an. Fakt ist aber auch: 200+ PS auf der Straße sind zwar beeindruckend, aber nicht mehr zeitgemäß – und vor allem zu teuer für ein reines Hobby- und Spaßfahrzeug. Deshalb ist es nur logisch, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Was braucht es wirklich, um sportlichen Fahrspaß auf dem Motorrad zu erleben?
Mit der neuen 119 PS starken R9, die in den kommenden Wochen bei den Händlern eintreffen werden, liefert Yamaha die Antwort. Sie tritt die Nachfolge der beliebten R6 an, die mittlerweile nur noch für den reinen Rennstreckeneinsatz – also ohne Straßenzulassung – erhältlich ist.

Bewährtes CP3-Aggregat
Motorseitig setzt die Japaner auf das bewährte 890 ccm CP3-Dreizylinder-Aggregat, das bereits in zahlreichen Yamaha-Modellen begeistert. Abgesehen von einer um 15 % längeren Übersetzung wurde es nahezu 1:1 übernommen. Die Leistung beträgt 119 PS und 93 Nm, wobei das maximale Drehmoment bereits bei 7.000 U/min anliegt – ideal für kraftvollen Durchzug auch in niedrigen Drehzahlen.
Die Leistung wird über den Yamaha Chip Controled Throttel (YCC-T) abgerufen, der eine fein dosierbare, aber dennoch direkte Leistungsentfaltung ermöglicht. Über das gesamte Drehzahlband zieht die R9 kraftvoll durch, ohne spürbare Leistungslöcher.
Die Gangwechsel erfolgen mithilfe des sanft arbeitenden Quickshifters (incl. Blipper-Funktion der 3. Generation) ohne Kupplungsbetätigung. Die Schaltübergänge sind dabei butterweich, frei von Vibrationen. Alles geschieht frei von störenden Vibrationen, dafür untermalt von einem sportlichen, fast schon süchtig machenden Racingsound.

Sound – auch für Nichtfans angenehm
Das klingt nach einem typischen Supersportler, der bei vielen Mitmenschen sofort die Alarmglocken läuten lässt! Ja, ein Sportbike muss klingen und ein gewisses Rennstreckenfeeling vermitteln. Doch in den letzten Jahren haben es einige Hersteller übertrieben – zwar legal, aber oft schlicht zu laut.
Die R9 geht hier einen anderen Weg: Statt mit einem übermäßig lauten Auspuff wird das Fahrerlebnis über die Airbox verstärkt, sodass der Pilot auf seine Kosten kommt, während die Umwelt sich entspannen kann. Und das kann sie tatsächlich! Die R9 klingt von außen sportlich, aber nicht nervig oder aufdringlich laut – mit einem Standgeräusch von 94 dB bleibt sie im Rahmen.
Optisch verzichtet Yamaha zudem auf einen klassischen Endschalldämpfer und setzt stattdessen auf eine massenzentrierte Lösung – der Auspuff wurde dezent unter das Bike verlegt.
Gerade im aktuellen Umfeld immer strengerer Geräuschmessungen zeigt Yamaha, dass emotionaler Sound und soziale Akzeptanz kein Widerspruch sein müssen.
Premium-Elektronik
Dafür wurde die Highend-Elektronik der R1 in das Motorrad gepackt. So sind alle modernen, schräglagenabhängigen Assistenzsysteme an Bord, die ihre Daten 125 Mal pro Sekunde von der 6-Achsen-IMU beziehen. Traktionskontrolle, Wheelie Control, Motorbremsmoment oder Slide Control sind in drei vorkonfigurierten Modi „Sport“, „Street“ und „Rain“ voreingestellt. Wer möchte, kann sich zwei frei programmierbare Modi aus 10 verschiedenen Funktionen selbst zusammenstellen. Und wer Lust auf einen Trackday hat, dem stehen noch einmal vier Track-Modi zur Verfügung.
Die Bedienung der Systeme ist intuitiv gelöst: Je kleiner die Zahl, desto geringer der Eingriff. Die Assistenzsysteme arbeiten dabei dezent im Hintergrund und sorgen für maximale Kontrolle. Besonders am Morgen, als die Strecke noch feucht und kalt war, konnte man sorglos ans Gas gehen, ohne unangenehm überrascht zu werden.
Alle Parameter werden übersichtlich auf einem 5-Zoll-TFT-Display dargestellt. Die Menüführung erfolgt über einen Joystick an der linken Lenkerarmatur, der einfach zu bedienen ist und präzise reagiert. Optisch könnte die Einheit allerdings eleganter integriert sein. Yamaha setzt hier auf eine Standardkomponente, die in mehreren Modellen verbaut wird und so zum attraktiven Preis von 13.999 Euro (incl. Nebenkosten) beiträgt.

Voll vernetzt
Wer seine Einstellungen bequem auf dem Sofa vorbereiten oder einfach die Konfiguration seines Kumpels übernehmen und testen möchte, kann die myRide App nutzen. Per Bluetooth-Verbindung lässt sich das Smartphone mit der R9 koppeln, um auf sämtliche Einstellungen zuzugreifen. Während der Fahrt stehen zudem Funktionen wie Navigation mit Kartenansicht, Nachrichtenanzeige und Telefonie zur Verfügung.
Für Rennstrecken-Enthusiasten bietet Yamaha noch ein besonderes Feature: Mit der Yamaha-Trac-App (mit 10 Speicherplätze kostenlos; unlimitiert für 6,99 Euro/Monat; verfügbar ab Juni 2025) lassen sich auf der Rennstrecke sämtliche Telemetriedaten des Bikes auswerten. Zusätzlich steht ein digitales Pitboard zur Verfügung, das wertvolle Informationen direkt auf´s Display liefert. Ein derartiger Datenzugriff in dieser Preisklasse ist aktuell bei keinem anderen Bike zu finden!
Auch für große Fahrer konzipiert
Um die Kosten im Rahmen zu halten, hat Yamaha beim Chassis auf bewährte Technik gesetzt. Die R9 nutzt einen klassischen Alu-Deltabox-Rahmen, dessen Grundstruktur aus der MT-09 stammt. Allerdings wurde er um 37 % verlängert, 16 % verbreitert und in der Torsionssteifigkeit um 18 % erhöht. Trotz dieser Anpassungen ist der Rahmen mit 9,7 kg um 10 % leichter als jener der MT-09. So bringt die R9 vollgetankt 195 Kilogramm auf die Waage – ein Wert, der in dieser Klasse absolut konkurrenzfähig ist. Die Gewichtsverteilung liegt neutral bei 50:50, was für eine ausgeglichene Fahrdynamik sorgt.
Genau diese Standardbalance bringt ein recht hohes Biosystemgewicht von 120 kg bei 193 cm Körpergröße ein wenig aus der Mitte und erzeugt beim harten Beschleunigen eine leicht nervöse Front (für konsequentes Racing braucht es sicher einen Lenkungsdämpfer). Da während der Testfahrten aufgrund der häufigen Fahrerwechsel keine individuellen Fahrwerkseinstellungen vorgenommen wurden, lässt sich dieser Effekt mit einer persönlichen Abstimmung sicherlich problemlos beheben.
Die voll einstellbaren KYB-Federelemente arbeiten jedenfalls auf einem sehr hohen Niveau und liefern ein äußerst feinfühliges Feedback. Speziell für die R9 hat Bridgestone zudem eine überarbeitete Version des Battlax RS11 Hinterreifens aufgelegt. Dieser Reifen unterstreicht zweifellos den sportlichen Charakter der Maschine und bietet auf der Hausstrecke eine mächtig Grip.

Allerdings basiert die Konstruktion des RS11 auf einer bereits etwas älteren Entwicklung, und besonders am Vorderrad wäre eine bessere Eigendämpfung wünschenswert. Persönlich hätte ich eher den Bridgestone S23 erwartet, welcher der R9 möglicherweise noch mehr Ausgewogenheit und Komfort im sportlichen Einsatz verleihen könnte.
Der Fahrer sitzt mit einer Sitzhöhe von 830 mm zwar relativ tief im Bike, hat aber selbst mit meiner Größe mehr als genug Platz und kann sich frei bewegen. Der Knieschluss und der Kniewinkel sind angenehm sportlich und harmonieren mit den ergonomisch gut positionierten Handgriffen. Einzig bei einer Schuhgröße von 47 kann es gelegentlich passieren, dass die Ferse an die Soziusrasten gerät.
Besonders beeindruckend ist der Windschutz hinter der vergleichsweise großen Verkleidungsscheibe. Trotz der im Vergleich zur R6 vergrößerten Stirnfläche ist der Luftwiderstand laut Yamaha nur marginal gestiegen. Zudem sorgen die schicken Winglets ab etwa 150 km/h für 6 bis 7 Prozent mehr Abtrieb, was die Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten weiter verbessert.
Die R9 setzt auf Brembo
Abgebremst wird die Yamaha R9 überaus nachdrücklich per Brembo-Stylema-Bremssättel. Im Track-Modus, in dem das ABS am Hinterrad deaktiviert werden kann, reagiert das Heck in manchen Situationen jedoch etwas unruhig. Wie bereits erwähnt, könnte hier eine individuelle Fahrwerkseinstellung für mehr Stabilität sorgen – leider fehlte im Test die Zeit für entsprechende Anpassungen.
Das Bremsgefühl ist insgesamt gut dosierbar und vermittelt ein solides Feedback, könnte aber für ein reinrassiges Sportbike noch etwas knackiger und schärfer sein. Beruhigend wirkt die präzise arbeitende Anti-Hopping-Kupplung, die für stabilere Bremsmanöver sorgt und unerwünschtes Stempeln des Hinterrads verhindert.
Vielseitigkeit der Yamaha R9
Auch wenn die R9 zunächst nur auf der Rennstrecke erlebt werden – der geplante Straßentest fiel einem heftigen Unwetter zum Opfer – ist sie doch in erster Linie für die Straße gebaut. Yamaha bietet die R9 in zwei Farbvarianten an: Tech Black und das klassische Yamaha Icon Blue.
Für Tourenfahrer gibt es ein „Practicallity“-Paket, das unter anderem Heizgriffe und Gepäcktaschen umfasst. Wer auf eine individuelle Optik Wert legt, kann sich mit dem „Style-Pack“ weiter austoben, während Rennstreckenfans mit dem „Adrenalin-Pack“ auf ihre Kosten kommen. Zudem wird es eine Vielzahl an GYTR Racing-Teilen geben, die speziell für den Einsatz auf der Rennstrecke entwickelt wurden.
Auch Einsteiger kommen nicht zu kurz: Yamaha bietet die R9 zusätzlich in einer A2-Version mit 48 PS an, was sie für eine breitere Zielgruppe zugänglich macht.

Fazit
Ja, es sind „nur“ 119 PS – aber dennoch darf man hier ohne Zweifel von einem Supersportler sprechen. Es ist beeindruckend, wie Yamaha es geschafft hat, aus dem erfolgreichen MT-09 Naked Bike einen waschechten supersportlichen Straßenflitzer zu formen. Die R9 ist extrem handlich, lässt sich spielerisch in die Kurven werfen und begeistert mit ihrem drehfreudigen Motor, der gerade auf der Landstraße für maximalen Fahrspaß sorgen dürfte.
Für nicht einmal 14.000 Euro bekommt man hier ein mitreißendes Motorrad, das mit ausgereifter Elektronik, sportlich-zugänglicher Ergonomie und einer Performance überzeugt, die im realen Motorradalltag deutlich mehr zählt als reine Spitzenleistung.

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