Michelin Power RS Test

Was verbindet Ihr mit dem Begriff „Power“? Bestimmt kraftvolle Motoren oder mächtigen Durchzug – sicherlich aber auch Motorradreifen von Michelin. Denn die von vielen vergötterte Serie der Michelin Pilot Power Reifen tragen den kraftvollen Terminus seit über 13 Jahren in ihrer Modellbezeichnung. Inzwischen gibt es mehrere Generationen und etlichen Optimierungsstufen des unter Fans liebevoll genannten „PiPo“ Straßensportreifens. 2017 steht mit dem Michelin Power RS nun die nächste Evolutionsstufe bereit, ein mächtiges Erbe anzutreten.

Um zu zeigen, was der Neue RS „Rennsport“ Reifen so alles zu leisten vermag, ging Michelin auf eine der wohl schnellsten und anspruchsvollsten MotoGP-Rennstrecken dieser Erde auf den Losail International Circuit nach Katar. Bei knapp 30 Grad warteten am späten Nachmittag alle großen 1000er Supersportler darauf den aus mehreren Zonen gebackenen Gummi zu quälen.

Da bleiben keine Wünsche offen – alle aktuellen 1000er warten auf uns

 

Power-Geschichte

Der Michelin Pilot Power wurde 2004 präsentiert und eroberte über Nacht die Herzen der Sportbikefahrer, da er neben einer langen Laufleistung, ein tolles Handling sowie maximalem Grip im trockenen wie auch im nassen hatte. Michelin beherrschte fortan den Straßensportreifen-Markt nach Belieben und schob eine Verbesserung nach der anderen hinterher. Doch zuletzt wurde es ruhiger um die französischen Pellen, da die letzten Evolutionsstufen mit dem Supersport Evo und Power 3 nicht wirklich zündeten bzw. die Reifenkonkurrenz Michelin teilweise überholten.

 

Neue(r) Power

Entwicklungsleiter Pierre-Yves Formagne

Mit Begriffen wie Stabilität, Agilität und Trockenhaftung werfen alle Reifenhersteller um sich. Sind sie aber auch der zentrale Punkt um den es bei der Performance eines Straßensportreifens gehen muss. Da dies zentrale Highlights der früheren Pilot Power Serie waren, fokussierte man sich bei der Entwicklung auf diese Headlines ohne jedoch den Nassgrip – hier ist Michelin schon von je her Klassenbester – und die Laufleistung zu vernachlässigen.

Daher mussten ganz neue Mischungen entwickelt werden, auf die verständlicherweise nicht wirklich eingegangen wurde bei der Präsentation. Nur so viel, man hat einem höheren Silica-Anteil auf der Lauffläche um bei Nässe anhaltenden Grip zu garantieren und mehr Rußanteil im softeren seitlichen Teil um Drehmoment starken Grip im Trockenen aushalten zu können. Unter dem Ganzen kommen neu entwickelte und patentiert Elastomere zum Einsatz, die eine entsprechend steife Verbindung erstellen, jedoch im richtigen Bereich genügend Flexibilität entwickeln.

Um eben diese Stabilität auf der einen und Flexibilität auf der anderen Seite zu erreichen (auch ein neues Michelin-Patent), wurde die Karkasse des Hinterreifens umgeschlagen und somit auf einer bestimmten Länge der Reifenschulter gedoppelt. Hierdurch wird der Hinterreifen gerade in voller Schräglage sehr stabil, selbst bei harten Beschleunigungsaktionen. Hörte sich bei der Präsentation von Entwicklungsleiter Pierre-Yves Formagne auch alles sehr gut an bzw. war Michelin nach 4 Jahren Entwicklung ein Patent wert.

Neue Gummimischungen beim Power RS in der gewohnten 2CT bzw. 2CT+ Verbindung

Die Laufleistung soll um bis zu 25% der Mitbewerber liegen. Wenn ich hier zB. einen Bridgestone S21 als Reverenz nehme, dann hält der RS bei mir weit über 5.000 Kilometer! Beim Grip haben die Franzosen wohl ein neues Geheimnis entdeckt, denn bei Tests auf einigen Rennstrecken, konnten bis zu 3,5 Sekunden schneller Zeiten gefahren werden mit dem RS im Vergleich zum PiPo3. Im nassen waren es bei 10 Grad auch wieder 3 Sekunden und bei 28 Grad immer noch 1 Sekunde. Aber die Wahrheit liegt bekanntlich auf der Strecke.

Vergleich der Reifenkontur und Gummistärke – Pilot Power 3 (gestrichelt) und Power RS (blau)

 

Doppel-Power

Als kleines Warm-up für die Nachsession und zum Kennenlernen der Strecke, verglichen wir in jeweils 3 Runden den Power RS mit dem Pilot Power R auf der selben Maschine – in meinem Fall auf der S1000RR. Besonders auffallend war hier, das gerade in der Beschleunigungsphase aus den Ecken heraus, die Stabilität extrem zugelegt hatte. Ebenso war der RS beim Anbremsen deutlich Spurtreuer, lies sich aber nicht ganz so einfach wie der Power 3 einlenken.

Vergleich Pilot Power 3 zu Power RS auf der S1000RR

Anschließend ging´s ins Infield, wo eine liebevolle Kopie der Strecke in Miniatur auf uns wartete. Hier gab es die Chance den RS aus einer Yamaha R3 oder KTM RC390 zu testen – ja, auf solch kleinen Sportbikes! Micheln hat den Trend erkannt und baut ihre Supersportreifen in einer leicht abgespeckten Version (ohne ACT+ Technologie) auch für die Nachwuchsszene, damit auch hier gleich Rennsportfeeling aufkommt. Vom Start weg bot der RS ein tolles Gefühl für die Front und genügend Grip um ordentlich schräg um die Ecken zu huschen. Am Ende der Runden stand dann eine Vollbremsung aus gut 70 Km/h auf einer vollkommen nassen Fläche an – unspektakulär gut.

Toller Sportreifen für die Kleine Klasse – Nassgrip Test mit der Yamaha R3

 

Power-Klasse

Die Nacht ist über Katar hereingebrochen, mächtige Scheinwerfen legen ihren Fokus auf die Strecke, angenehme 25 Grad versprechen perfekte Bedingungen, also wird es Zeit dem Power RS mal richtig auf den Gummi zu fühlen.

Um gleich auf gewohntem Material angasen zu können, griff ich zur einzigen Fireblade im Starterfeld. Leider war es „nur“ die Standardversion, sodass ich mich erst mal ans manuelle schalten zurückerinnern musste.

Die Reifen waren nicht vorgeheizt, nur am Nachmittag kurz angefahren. Nach nicht mal einer halben Runde war gefühlt bereits genügend Wärme im Gummi um flotte Runden zu drehen. Also gleich mal Eingangs Start-Ziel, noch in ordentlich Schräglage früh ans Gas und raus bis auf die Curbs ziehen um jeden Schwung mit auf die über 1 Kilometer lange Gerade zu nehmen. Tadellos krallt sich der Gummi in den Asphalt ohne große Zuhilfenahme der Traktionskontrolle. Am Ende heißt es dann aus gut 300 Kilometer pro Stunde den Speed deutlich und schnell zu halbieren um Rechts einlegen zu können. Auch hier bietet der RS maximale Stabilität, sehr gute Rückmeldung und Spurtreue. Wieder wenige Sekunden lang hart rausbeschleunigen, kurz anbremsen, hart links einlegen und wieder Feuer frei in ein schnelle Rechts, weiter durchziehen, Bremse kurz antippen, einen Gang runter und in weitere zwei Rechtskurven reinrollen lassen. Wieder hart ans Gas bevor es in eine engere Links geht in die tief hineingebremst werden muss und in der ich irgendwie immer etwas zu spät dran war.

Der Michelin Power RS und die Honda CBR1000RR Fireblade – harmonieren hervorragend

Bis hierher lief alles hervorragend, aber bei extremen Bremsmanövern in Schräglage herein verspürte man schon eine gewisse Gegenbewegung am Vorderrad bzw. war etwas Nachdruck notwendig um das Bike in die gewünschte Linie zu bringen. Dennoch kam nie ein mulmiges Gefühl ins Spiel der Reifen könne nicht halten, er benötigte nur etwas Druck.

Also wieder Gas und gleich ab in eine lange flotte Rechts, schnell umlegen nach Links und gleich wieder Rechts über einige Bodenwellen die der RS souverän glattbügelte. Auch war das schnelle umlegen sehr gut und präzise möglich. Engere Links die mit Nachdruck angefahren werden musste, nach hinten aber sanft auslief und man einfach die Drosselklappen voll öffnen – mega Funstück für mich – und gefühlt im Drift hemmungslos durchziehen konnte.

An diese Stelle merkte man, dass der RS zwar ein Straßensportreifen sein soll, es aber locker mit profilierten Rennreifen aufnehmen kann, denn die Fuhre ging mit ordentlich Nachdruck und Power nach vorne – gänsehauttaugliche Momente. Wieder dreifach Rechts, kurz rausbeschleunigen, schnelle Links, nochmals Gas und dann in die gefühlte 180 Grad Zielkurve hinauf zur Highspeed-Geraden.

Nach der Fireblade durften noch die Panigale und R1M zeigen, wie gut sie mit dem RS um den Kurs huschen können. Und auch hier bewies der RS, dass er mehr als nur ein Straßensportreifen ist. Zwar musste auch hier etwas Nachdruck bim späten hineinbremsen aufgebracht werden, doch blieb der Reifen stabil und hielt den heftigen Vortrieb in Schräglage spielerisch stand. Extrem interessant war, dass die besseren Fahrwerke im Vergleich zur Standard-Fireblade auch nicht mehr wegdämpften als zuvor mit der Blade. Also die Eigendämpfung des Reifen funktioniert tadellos.

Selbst auf einem reinrassigen Renngerät wie der Yamaha R1M funktioniert der Power RS tadellos

 

Ausgepowert?

Kurz nach 23 Uhr Ortszeit war dann Schluss. In der Boxengasse standen Geräte mit denen 8 bis 10 Turns voll durchgezogen wurde. Die Power RS Gummis sahen aber vorne wie hinten vollkommen entspannt aus. Also ein ausgiebiger Trackday mit An-/Abreise auf Achse ist mit dem RS locker möglich. An was man sich allerdings gewöhnen muss ist die Sichtbarkeit der unterschiedlichen Gummimischungen, denn gerade am Hinterreifen ist der Übergang von Ruß-Anteil an den Flanken hin zum Silica-Anteil auf der der Lauffläche deutlich zu erkennen.

 

Fazit

Michelin will es wirklich wissen und hat viel Aufwand in die Entwicklung des Power RS gesteckt. Und in der Tat haben die Franzosen eine weitere Stufe an Performance und Haltbarkeit bestiegen. Der Reifen hat mächtig Grip und kommt selbst mit recht warmen Bedingungen spielerisch klar. Er ist sehr Bremsstabil, wobei man dies mit einigen Abstrichen beim wirklich harten hineinbremsen in Kurven bezahlt – aber wir sprechen von einem Straßensportreifen mit dem man so sicher nie auf öffentlichen Straßen fahren sollte!

Optisch steht der RS seinen sportlichen Ambitionen in nichts nach und präsentiert sich wie ein Rennslick. Besonders cool finde ich, dass der selbe Reifen mit wenigen Mischungsabstrichen, auch für die kleine Klassen bis 300ccm verfügbar ist und so der Nachwuchs endlich wie die Großen auffahren können.

Michelin Power RS 2CT+ – die Mischung am Hinterreifen

 
Text:
Rainer Friedmann ‚Kraftrad‘

Bilder:
Rainer Friedmann ‚Kraftrad‘, Michelin

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