Yamaha Niken GT – Erst fahren, dann urteilen

Im Januar 2019 hatte ich das erste mal die Gelegenheit das „Dreirad“ von Yamaha in Spanien zu fahren. War ich Anfangs sehr skeptisch, ob dies überhaupt wie ein Motorrad gefahren werden könne und ob man dabei auch Spaß haben kann. Nach der ersten Runde war aber schnell klar, ich muss dieses Gerät nochmals haben und ausgiebig im Alltag erleben. Und da im selben Jahr Yamaha die GT-Variante an den Start brachte, tourte ich gleich mehrere male im Herbst sowie Frühsommer mit ihr übers Land.

Guter Wein, brauch gute Trauben – die NIKEN basiert auf der tollen MT-09

Erfolgreiche MT-09 als Basis

Wie bereits die 2017 auf der EICMA präsentierte Niken, basiert die GT-Variante ebenfalls auf dem Yamaha Verkaufsschlager MT-09. Extrem deutlich wird dies, wenn man die Frontverkleidung und Gabel demontiert, dann wird man kaum mehr einen Unterschied zum Naked Bike feststellen, denn je weiter man seinen Blick nach hinten bewegt um so „gleicher“ wird die Niken und MT-09.

Für die knapp 1.000 Euro teurere GT-Ausführung musste auch nicht viel an der Basis-Niken geändert werden. So gab´s ein hohes Windschild, eine noch bequemere und langstreckentaugliche Sitzbank, Gepäckträgersystem mit zwei jeweils 25 Liter fassende Semi-Soft-Seitenkoffer, massiven Hauptständer, zwei 12V-Anschlüsse und dreistufige Heizgriffe für die kalte Jahreszeit.

Kurz zur Technik: Im Herzen schlägt der zick-fach verbaute 847 Kubikzentimeter Crossplane-Dreizylinder-Motor mit 115 PS und einem Drehmoment von 87,5 Newtonmetern. Im Vergleich zur MT-09 oder Tracer 900, muss dieses CP3 Aggregat bei der Niken fahrfertig und vollgetankt gut 74 Kilogramm mehr bewegen (Niken GT: 267 Kg / MT-09: 193 Kg).

Aber auch mit den Extrakilos auf den Rippen, marschiert die Niken GT extrem sportlich und spritzig. Das Tripleaggregat hängt schön am Gas und dreht kultiviert durch das gesamte Drehzahlband. So kann mit der GT schaltfaul gecruist, aber auch sportlich mit Unterstützung des serienmäßigen Quickshifter angegast werden. Reizt man dann noch die Drehzahl bis 10.000 Touren aus, so belohnt sie einen mit Klang, der nach mehr ruft. Dabei fließen allerdings auch gut 1,5 Liter mehr Sprit auf 100 Kilometer durch die Leitungen als bei einer MT-09, was bei einem 18 Liter-Tank die Reichweite doch stark einschränkt!

Hier ist man leider zu oft, wenn man sportlich unterwegs ist – nicht nur wegen des Verbrauchs!

Mit Sicherheit mehr Kurvenspaß

Gemessene 6,97 Liter auf 100 Kilometer notierte ich auf meinen Touren mit insgesamt gut 800 Kilometern. Das ist nicht gerade wenig, zeugte aber auch von jeder Menge Spaß. Denn schnell ertappt man sich, den mehr an Grip auf der Vorderhand zu genießen, gezielt einzusetzen und deutlich schneller zu cruisen als normal. Dabei überfordert man hin und wieder die Hinterhand, welche aber sanft über die einstellbare Traktionskontrolle eingefangen wird. Es macht einen wirklich leicht süchtig, den fauchigen Sound zu genießen und ordentlich durch die Kurven zu wedeln – geht übrigens überraschend einfach und leichtfüßig. Schnell, sehr schnell vergisst man, dass hier drei Räder unter einem arbeiten.

Kommen dann noch feuchte und kalte Straßen oder gar Bitumenstreifen und Gullideckel hinzu, so verlieren diese ihren Schrecken komplett. Denn mit der Niken bügelt man einfach drüber. Solltet Ihr Euch nun zur Probefahrt aufmachen, dann sei an dieser Stelle gleich mal eine Warnung ausgesprochen. Beim späteren Umstieg auf ein zweirädriges Gefährt ist darauf zu achten, dass die Gripverhältnisse am Vorderrad richtig eingeschätzt werden. Mit der Niken sind entspannt Schräglagen möglich, die man sich sonst so nicht trauen würde – bei 45 Grad ist technisch gesehen aber Schluss.

Offen für Neues, offen für anderes sein

Beim Thema „Grüßen unter Bikern“ ist leider auch Schluss, denn auf meinen Touren hatte ich das Gefühl nur noch von einemviertel der entgegenkommenden Biker und Bikerinnen gegrüßt zu werden. Der Anblick entzweit leider noch immer die Motorradgemeinde und doch fasziniert sie. Denn bei nahezu jedem Halt sind Gespräche einem sicher. Zum einen muss man aufklären, dass es ein normales Motorrad ist und man einen ganz normalen Motorradführerschein benötigt. Zum anderen muss man klarstellen, dass dieses Gerät nicht von alleine steht und ohne Seitenständer ganz normal umkippen würde. Dann gibt es die Technikbegeisterten, die sich die aufwendige und massive Aufhängung vorne ganz genau anschauen, fasziniert danebenstehen und einfach überwältigt sind wie so etwas funktioniert. Tja und dann sind da noch dir grundsätzlichen Verweigerer, die der Meinung sind, dass ein Motorrad maximal eine Batterie und Glühlampen als elektronisches Bauteil haben darf um noch „Motorrad“ genannt zu werden.

Die Blicke sind einem Sicher mit der NIKEN – hier beim Besuch des Glemseck 101

Wer eine Niken fährt, der polarisiert und steht in irgendeiner Art immer im Rampenlicht. Allen sei hier gesagt, fahrt dieses Gerät, „Ride the revolution“ wie Yamaha es formuliert, öffnet Eure Sinne und lasst Euch darauf ein, danach unterhalten wir uns wieder!

Kleine Updates wären schön

Über was wir uns mit Yamaha unterhalten müssten, wäre das für mich zu unflexible Windschild. Dies bietet zwar einen ordentlichen Windschutz, lenkt allerdings den Luftstrom auch ganz genau auf meinen Kopf. Wäre ich 10 cm kleiner, würde es sicher passen! Hier sollte über eine Spoilerscheibe und/oder mehr Verstellmöglichkeiten nachgedacht werden.

Was ich, gerade bei einem Gerät für das man 16.078 Euro hinblättern muss erwarte, ist ein Schaltautomat mit Blipper Funktion – also Kupplungsfreies hoch und runterschalten. Bei dieser Gelegenheit könnte man auch die Sensibilität gerade bei niedrigen Drehzahlen optimieren, dann hier geht´s manchmal ruppig zu.

Und wenn man dann schon am Programmieren ist, dann sollte die Bedienung der Heizgriffe sowie der optional beheizten Sitzbank auch nochmals überdacht werden. Denn hier muss man sich aufwendig durch´s Menü klicken und im zwar spartanischen aber gut ablesbaren Display nach der richtigen Stufe suchen.

Sinnvoll sind diese beiden Heizfunktionen allemal, denn die Niken ist sicher ein Ganzjahresfahrzeug, da es insbesondere durch ihren Mehrgrip vorne, auch bei schlechterem Wetter oder gar im Winter gefahren werden kann. Man muss mit Ihr auch keine Sorge haben in die Dunkelheit zu kommen, denn die Voll-LED-Scheinwerfer spenden unglaublich viel Licht und leuchten die Landschaft aus.

Toller Scheinwerfer – mit Fernlicht wird die Nacht zum Tag

Fazit

Ich hatte mächtig Spaß mit der Niken GT und konnte tolle Touren erleben, mit ihr entspannt cruisen aber auch mal sportlich um die Ecken flitzen. Dabei reicht die Fahrleistung vollkommen aus, da der CP3 Motor mit etwas mehr Schwungmasse und einer kürzeren Endübersetzung perfekt angepasst wurde. Für den Zusatz GT hätte Yamaha allerdings noch ein paar „Gran Turismo“ Feature verbessern können, wie einen größeren Tank oder eine variablere Scheibe sowie bessere Bedienbarkeit einiger Optionen. Dennoch ist sie ein toller Begleiter über das gesamte Jahr und bei allen Witterungsbedingungen. Und wer sich vielleicht etwas unsicherer in Kurven fühlt, der sollte die Niken auf jeden Fall in seine Auswahl aufnehmen.

Kurzcheck

Positiv

  • tolle Motorcharakteristik
  • lässt sich sportlich aber auch gechillt bewegen
  • einstellbares Fahrwerk
  • bequeme Sitzposition für Fahrer und Beifahrer
  • Plus an Sicherheit durch zwei Vorderräder
  • geniales Licht

Negativ

  • Hoher Spritverbrauch bei sportlicher Fahrt
  • Mit 18 Litern ein etwas zu kleiner Tank für GT Ansprüche
  • Bedienung der Heizfunktionen und Tempomat gewöhnungsbedürftig
  • Image am Biker Treff

Bilder und Impressionen der Yamaha NIKEN GT

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