Der Viehscheid gehört zu den größten und bekanntesten Veranstaltungen in Oberstdorf. Rund 1.000 Tiere kehren dabei von fünf Alpen zurück ins Tal und werden auf dem Scheidplatz im Ried wieder ihren Besitzern zugeordnet. Bislang hatten wir dieses traditionsreiche Ereignis jedoch noch nie vollständig miterlebt, denn vergangenes Jahr waren wir viel zu spät losgegangen. Das sollte sich in diesem Jahr ändern – und das Wetter hätte dafür kaum besser sein können.
Unter einem strahlend blauen Himmel und bei herrlichen Temperaturen machten wir uns kurz nach 8 Uhr zu Fuß auf den Weg in Richtung Rappenalptal. Wir wollten den ankommenden Herden möglichst weit vorne entgegengehen und sie dort erleben, wo noch nicht ganz so viele Menschen standen.
Zumindest war das unser ursprünglicher Plan.

Bereits kurz hinter dem Nordic Zentrum war die Hölle los. Unzählige Besucher säumten den Weg und die ersten Tiere kamen schon mit erstaunlichem Tempo aus dem Tal herunter. Viel Zeit zum Überlegen blieb uns deshalb nicht: schnell hinter die Absperrung und erst einmal zuschauen.
Schon diese erste Begegnung war beeindruckend. Das immer lauter werdende Läuten der großen Schellen kündigte die Herde bereits aus einiger Entfernung an. Dann kamen die Tiere heran, begleitet von den Älplerinnen und Älplern, die alle Hände voll damit zu tun hatten, die Herde zusammenzuhalten. Wer den Viehscheid bislang nur von Bildern oder aus kurzen Videos kennt, kann sich kaum vorstellen, welche Dynamik dabei entsteht. Man sieht die Tiere nicht nur vorbeiziehen, sondern hört das Läuten, spürt das Stampfen der Hufe und erlebt die Energie der gesamten Herde aus nächster Nähe.
Nachdem die ersten Tiere an uns vorbeigezogen waren, liefen wir noch ein paar Meter weiter in Richtung Rappenalptal. Dort fanden wir erneut einen Platz hinter der Absperrung und warteten auf drei der insgesamt fünf Herden, die an diesem Tag nach Oberstdorf zurückkehrten.

Das Warten lohnte sich. Jede ankommende Gruppe hatte ihren ganz eigenen Charakter. Mal kamen die Tiere relativ geordnet auf uns zu, mal ging es deutlich lebhafter zur Sache. Besonders eindrucksvoll waren natürlich die festlich geschmückten Tiere und die prächtigen Kranzrinder. Ein solches Kranzrind führt traditionell eine Herde an, wenn der Alpsommer für Mensch und Tier ohne schweres Unglück verlaufen ist. Der aufwendig gefertigte Kopfschmuck ist deshalb nicht nur schön anzusehen, sondern vor allem ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit.
Mit jedem näher kommenden Schellenklang stieg die Spannung. Dann tauchten die ersten Tiere auf, das Läuten wurde immer mächtiger und wenige Augenblicke später zog die gesamte Herde direkt an uns vorbei. Diese Mischung aus Kraft, Geschwindigkeit, Tradition und der sichtbaren Freude der Beteiligten war herrlich mitzuerleben. Genau an solch einem Platz entlang der Strecke wird deutlich, dass der Viehscheid weit mehr ist als eine touristische Veranstaltung.
Nachdem die letzte von uns beobachtete Herde vorbeigezogen war, machten wir uns zügig auf den Weg zurück zum eigentlichen Scheidplatz im Ried. Dort herrschte inzwischen ein riesiger Trubel. Tausende Menschen waren gekommen, um die Rückkehr der Tiere zu feiern. Laut aktueller Berichterstattung verfolgten in diesem Jahr rund 15.000 Besucher den Oberstdorfer Viehscheid.

Auf dem Scheidplatz konnten wir dann beobachten, woher die Veranstaltung ihren Namen hat. Nachdem die Tiere den Sommer gemeinsam auf den Oberstdorfer Alpen verbracht haben, werden die großen Herden wieder „geschieden“. Die einzelnen Tiere werden ihren jeweiligen Besitzern zugeordnet und kehren anschließend in ihre heimischen Ställe zurück.
Damit endet für sie ein hoffentlich schöner und vor allem unfallfreier Alpsommer. Für die Älplerinnen und Älpler ist dieser Moment ebenfalls etwas Besonderes. Nach vielen arbeitsreichen Wochen in den Bergen bringen sie die ihnen anvertrauten Tiere zurück zu den Bauern. Erst wenn jedes Tier seinem Besitzer übergeben wurde, ist ihre verantwortungsvolle Aufgabe wirklich beendet.
Nach so viel Tradition und beeindruckenden Bildern durfte natürlich auch der gemütliche Teil eines Viehscheidtages nicht fehlen. Eine Viehscheidwurst gehört genauso dazu wie ein passendes Viehscheidbier. Beides hatten wir uns nach den vielen Kilometern zu Fuß redlich verdient.
Unser Bier genossen wir schließlich in Sichtweite des großen Festzeltes. Von dort konnten wir ganz entspannt das bunte Treiben der Menschen beobachten und gleichzeitig der zünftigen Bierzeltmusik lauschen. Überall wurde gefeiert, gegessen, getrunken und über die Erlebnisse des Vormittags gesprochen. Der Viehscheid ist eben nicht nur die Rückkehr der Tiere, sondern gleichzeitig ein großes Fest zum Ende des Alpsommers.

Ein weiteres Highlight wartete zum Abschluss ebenfalls noch auf uns: der imposante Sechsspänner des Oberstdorfer Brauhauses. Sechs prächtige Pferde vor dem großen Bierwagen sind schon eine beeindruckende Erscheinung und passten perfekt zu diesem Tag voller gelebter Allgäuer Tradition.
Nach knapp zehn Stunden waren wir schließlich wieder zu Hause. Die Beine waren müde, aber die vielen Eindrücke und Erlebnisse machten diesen langen Tag zu etwas ganz Besonderem.
Natürlich ist der Oberstdorfer Viehscheid inzwischen auch ein absolutes Touristenereignis. Bei rund 15.000 Besuchern lässt sich das kaum bestreiten. Es ist voll, stellenweise laut und am Scheidplatz herrscht ein gewaltiges Gedränge. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat uns die Veranstaltung wirklich beeindruckt.

Wer die ankommenden Herden schon weit vor dem eigentlichen Festplatz erlebt, die immer lauter werdenden Schellen hört und die Dynamik der Tiere aus nächster Nähe spürt, bekommt einen ganz anderen Blick auf dieses alte Brauchtum. Der Viehscheid verbindet das Ende des Alpsommers mit Dankbarkeit, Tradition und einem großen gemeinsamen Fest.
Unser Fazit nach knapp zehn Stunden fällt deshalb eindeutig aus: Der Viehscheid in Oberstdorf ist sicherlich ein riesiges Touristenereignis – aber dennoch etwas, das man wenigstens einmal selbst erlebt haben sollte.
Traditionell findet der Oberstdorfer Viehscheid jedes Jahr am 13. September statt. Fällt dieser Tag jedoch auf einen Sonntag, wird die Veranstaltung auf den Samstag davor verlegt. Deshalb kehrten die Herden 2026 bereits am Samstag, dem 12. September, von den Alpen zurück ins Tal.


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